1834: „Kreuzerhebung“, Wollmagazin und der stinkende Brunnen

Zur berühmten „Perspektivkarte“ des Historikers und Kartographen Franz Xaver Schweickhardt von Sickingen aus dem Jahr 1834 gibt es eine textliche Beschreibung. Diese ist auch deshalb wichtig, da die Karte zwar selbst alles spektakulär aus der Vogelperspektive zeigt, aber in Details ungenau und (leider oft) frei ist.

Sehen wir uns zuerst einmal den Kartenausschnitt an, der Steinbrunn betrifft:

1834 Perspektivkarte, Ausschnitt Steinbrunn

Der Ort Steinbrunn (Stinkenbrunn, Büdöskut) ist mit seinen zwei Straßen (heute Hauptstraße und Bauerngasse) dargestellt. Der Hartlwald mit seinen geraden Wegen ist gut erkennbar. Die Darstellung des Jagdhauses entspringt der Phantasie (siehe hier). Richtung Neufeld liegt – dort, wo heute die Neue Siedlung liegt – das damals noch relativ kleine Bergwerk, einige Gruben sind bereits unter Wasser. Und genau hier, vom Rand von Neufeld aus, startet die 1834 erschienene Beschreibung:

Die unfern gelegenen Steinkohlengewerke werden größtentheils im Lichten gegraben, weil sie sich leicht entzünden. Die meiste Tiefe der Kohlenlager beträgt bei fünf Klafter, darunter sich Thonlager befindet, weshalb hiebei auch ein Ziegelofen im Betriebe steht. Zudem ist auch eine Alaunsiederei vorhand. Im Ganzen werden bei fünfzig Personen beschäftigt.

Hier wird von einem „Steinkohlengewerke“ gesprochen, es handelt sich aber um Lignit, einer Braunkohle. Ein Klafter entsprechen rund 1,9 Meter, die damals abgebauten Kohleflöze waren also rund zehn Meter stark. In der Alaunsiederei wurde als Nebenprodukt des Bergbaus Kupfervitriol erzeugt, dass in der Textilindustrie verwendet wurde.

Die Beschreibung wendet sich nur Richtung dem Dorf Steinbrunn:

Nahe dieser besprochenen Gewerke dehnt sich ein Wald aus, der durch Aleen abgetheilt ist, und worin sich eine Fasanerie und ein fürstlich Esterhazysches Jägerhaus befindet.

Der Hartlwald ist auf der Karte gut zu sehen.

Von hier aus, den Weingärten entlang, trifft der Wanderer in einer Viertelstunde das Dorff Stinkenbrunn (Büdökut) von 140 Häusern und 1000 römisch-katholisch kroatischen Einwohnern, die sich nebst den landwirtschaftlichen Zweigen, auch mit Kalk- und Ziegelbrennerei beschäftigen.

Interessant ist die Beschreibung der Kirche:

Die hiesige Pfarrkirche liegt westlich vom Dorfe auf einer Anhöhe, ist zwölf Klafter lang, und enthält in einem pyramidenförmigen Thurme drei Glocken. Am Hochaltar ist das Gemälde der Kreuzerhebung Christi, dann sind noch zwei Seitenaltäre vorhanden.

Die Länge der Pfarrkirche (rund 22,5 Meter) stimmt. Ob es das „Gemälde der Kreuzerhebung Christi“ am Altar gegeben hat, ist allerdings zu bezweifeln. Unter „Kreuzerhebung“ ist jene Szene gemeint, wenn das Kreuz, auf den Jesus angeschlagen wurde, am Golgotha in Jerusalem aufgerichtet wird. Die Kirche ist allerdings der „Kreuzauffindung“ geweiht, also der Auffindung des Kreuzes im 4. Jahrhundert nach Christus durch die Hl. Helena am Berg Sinai. Ein weiteres Problem: Das heutige Altarbild, das die Kreuzauffindung zeigt (Helena und Kreuz) stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war vermutlich 1834 noch nicht in der Kirche. Wahrscheinlich hat Schweickhardt hier „Kreuzerhebung“ und „Kreuzauffindung“ vertauscht – es würde der Weihe der Kirche nicht entsprechen, wenn am Altar die „Kreuzerhebung“ zu sehen gewesen wäre. Die zwei Seitenaltäre wurden erst im 20. Jahrhundert entfernt.

Zur Kirche, an der sich der Gottesacker und Clavarienberg anreihen, führt eine schattige Lindenallee. Der Ort selbst besteht aus drei Reihen Häuser, welche zwei Gassen bilden, in denen das Schulhaus, der Pfarrhof, ein Wirtshaus und ein Wollmagazin stehen.

Mit dem „Clavarienberg“ (Kalvarienberg) ist das heutige Kriegerdenkmal am Friedhof gemeint, das damals noch mit einer Kreuzesgruppe am Dach ausgestattet war. Interessant ist der Hinweis auf das Wollmagazin. Dabei dürfte es sich um die Expositur der Pottendorfer Textilmanufaktur handeln, die in der heutigen Fabriksgasse einen Stadl unterhielt, in dem Baumwolle gereinigt wurde.

Die am nördlichen Ende des Dorfes stehende Capelle zum heiligen Joseph dient an den Wochentagen zum Gottesdienste, weil die Pfarrkirche etwas enternt ist. Der Capelle zunächst befindet sich ein Teich, dann der Gemeindebrunnen, und gegen Zillingthal ein anderer Brunnen, wovon das Dorf den Namen bekommen hat.

Die Josephskapelle stand an Stelle der heutigen Kapelle in der Unteren Hauptstraße. Den Teich gibt es heute nicht mehr. Laut dieser Beschreibung ist nicht der Gemeindebrunnen, der bei der Mariensäule in der Bauerngasse lag, namensgebend für Stinkenbrunn, sondern „gegen Zillingthal ein anderer Brunnen“. Auf diesen Brunnen verweist heute noch das Bründlfeld (Bründlfeldgasse).

Südlich von Stinkenbrunn steht eine Ruine, vormals Capelle zum heiligen Rochus, der heiligen Rosalia und dem heiligen Sebastian, welche zu Zeiten Kaiser Jospeh II. aufgehoben und dem Verfalle überlassen wurde.

Die hier angesprochene Rosaliakapelle stand schon auf Zillingtaler Hotter am Schimmelberg, unweit der heutigen Marizellerkapelle.

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