1926: Und der flüchtige Mörder bestellte im Gasthaus ein „Kracherl“

Die Geschichte der Jagd auf den Mörder Wiedemann, der in Steinbrunn vorübergehend ausspannen konnte – auch ohne Socken und Schuhe. Lesen Sie die Zeitungsartikel aus dem Jahr 1926 im O-Wort:

Auf der Jagd nach dem Mörder Wiedemann. Zweimal umzingelt und den Gendarmen entsprungen. Seit einer Woche jagen die niederösterreichischen Gendarmen nach dem Mörder von Pfaffstätten, Ludwig Wiedemann, der bekanntlich gerade vor acht Tagen am Wiener- Neustädter-Kanal seine Geliebte, die Arbeiterin Steffi Fleck, niedergeschossen hat. Bei der letzten Umzingelung am Freitag hat der Mörder seine Schuhe eingebüßt. Samstag früh begegnete auf der Straße zwischen Neufeld und Millendorf ein Bergarbeiter dem barfuß dahintrabenden Mörder. Plötzlich sah er sich einer Revolvermündung gegenüber und hörte das Kommando: „Schuhe a u s z i e h e n!“ Der Arbeiter versuchte zunächst Wiedemann klarzumachen, daß er nicht in zerrissenen Socken in die Arbeit gehen könne. Der Mörder beantwortete die Arguments des Arbeiters allerdings wieder nur mit der vorgehaltenen Revolvermündung, und schließlich setzte sich der Arbeiter am Straßenrand nieder und begann langsam seine Schuhe zu lockern. In dem Augenblick kamen zwei Radfahrer um die Ecke. Wiedemann rief dem Arbeiter noch zu: „Fahr‘ ab, sonst brenn‘ ich dir eine hinauf'“ und sprang dann querfeldein davon. Gendarmen und Radfahrer streiften nun wieder die ganze Gegend ab, allerdings ohne den Mörder zu finden. Zur gleichen Zeit saß Wiedemann bereits in einem Gasthaus in Stinkenbrunn friedlich bei einem Kracherl. Gestern abends sichteten bei Neudörfl an der Leitha abermals Gendarmen den Mörder. Die Gendarmen glaubten schon, ihn zu haben, im letzten Augenblick sprang er aber über einen Zaun und flüchtete. Fünf Schüsse, die ihm nachgefeuert wurden, verfehlten ihr Ziel. Wiedemann erwiderte das Feuer diesmal nicht, was darauf schließen läßt, daß ihm die Munition ausgegangen ist. Er wurde von den Gendarmen bis gegen Katzelsdorf verfolgt, wo seine Spur wieder verloren wurde. Der Wald, in dem er sich aller Wahrscheinlichkeit noch befinden muß, wurde in der Nacht noch vollständig umzingelt. Heute morgens mußten die Gendarmen, als sie in den Wald eindrangen, allerdings feststellen, daß er ihnen wieder entgangen war.

Das weitere Schicksal des Herrn Wiedemann konnte noch nicht recherchiert werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s