Dass in Krisenzeiten gerne irgendwelche Schuldige gesucht und seltsame Zusammenhänge konstruiert werden, zeigt sich in der Geschichte immer wieder. Auch für Steinbrunn gibt es einige Beispiele – wie dieses.
1936 erschien folgender Artikel im „Burgenländischen Volksblatt“ (Burgenländische Heimat)1:
Stinkenbrunn. (Die armen Störche!) Seit 15. April haben auch wir eine Strochenfamilie in unserer Gemeinde, und zwar nisten sie am Schornstein des Gasthauses Laszakowits, das aus diesem Anlaß von den Leuten in „Gasthaus zum Storch“ umbenannt wurde.— Aber nicht alle Leute in unserer Gemeinde sind diesem trauten Familienidyll auf dem Rauchfange freundlich gesinnt. Es gibt auch solche, die in ihrem Aberglauben diesen unschuldigen Tieren die Schuld an der hohen Sterblichkeitsziffer zuschreiben. (16 Todesfälle und drei Geburten im ersten Halbjahr!) — Eine merkwürdige, doch nicht ganz von der Hand zu weisende Auslegung für das Erscheinen der Störche in unserer Gemeinde gab dem Artikelschreiber ein alter, in seinem Berufe grau gewordener Bergmann. Er wies auf die Ratten hin, denen die Bergleute nie etwas zuleid getan haben. Ja, es hat sogar Reviere gegeben, wo es bei Strafe verboten war, Ratten zu töten. Denn lange bevor der Bergmann eine Gefahr in der Grube wahrnehmen konnte, haben die Ratten den Ort verlassen und den Bergmann gewarnt— Der Storch ist ein Wasservogel, der seine Nahrung in sumpfigen Gebieten sucht. Auch dieses Tier hat gewissemaßen einen sechsten Sinn. Und die Ursache ihres Kommens dürfte in der allgemeinen Steigung des Grundwasserspiegels zu suchen sein. Wir bekommen nasse Zeiten… Hoffen wir, daß auch alte Bergmänner (wie die Wettervoraussage der „Ravag“) Irrtümern unterworfen sein können.
Was steckt hinter diesem Artikel:
Die Jahre der Weltwirtschaftskrise nach 1929 führten zu einer Verarmung der Bevölkerung. In Steinbrunn war das am Niedergang des Bergbaus zu erkennen. Nach 1932 war der professionelle Abbau sowohl im ungarischen (Steinbrunn-Neufeld) als auch im deutschen (Steinbrunn-Zillingdorf) eingestellt. Die Bergarbeiterfamilien hausten in den Baracken unter katastrophalen Bedingungen. Wegen der unhygienischen Zustände breiteten sich Seuchen aus, wie etwa Diphterie und Glaukom.
Die hohe Arbeitslosigkeit führte dazu, dass die Menschen bei Lebensmitteln, Heizen und Medikamenten sparen mussten. Auch die Landwirtschaft erlebte miese Jahre. Die von der ständestaatlichen Regierung propagierte Umstellung auf das Einheitssaatgut funktionierte nicht nach Wunsch und mehrere Unwetter führten zu schlechten Ernten.
Diese Faktoren führten zu einer grundsätzlich höheren Sterblichkeit, wie sie im Artikel beschrieben wurde. Zusätzlich muss bedacht werden, dass viele Männer aus dem Ersten Weltkrieg als Kranke oder gar Invalide mit einer geringeren Lebenserwartung zurückgekommen waren.
Das im Artikel Gasthaus Laszakovits „Zum Storch“ befand sich in der Unteren Hauptstraße (Nr. 17). Das Storchennest war nachweislich bis in die späten 1950er-Jahren „in Betrieb„.
- Burgenländisches Volksblatt, 20. Juni 1936, 7. ↩︎