1921: Ein Oberösterreicher staunt über Steinbrunn

Die Landnahme des Burgenlandes durch Österreich im Jahr 1921 erfolgte endgültig durch den Einmarsch von österreichischen Soldaten ab 13. November 1921.  Eine Woche später, am 21. November 1921, berichtete ein oberösterreichischer Reporter im „Linzer Volksblatt“ aus der Grenzregion. Ein paar Tage zuvor hatte er im Tross der österreichischen Truppen vorsichtig in Steinbrunn (Stinkenbrunn) die Lage erkundigt. Und da staunte der Oberösterreicher.

Am Besten wir lassen den Reporter selbst zu Wort kommen. Es folgt der Originaltext, dazwischen Anmerkungen.

 

Mit den Oberösterreichern ins Burgenland.

Friedberg in der Steiermark, 21. November.

1) Der Autor der Reportage ist leider namentlich nicht bekannt. Die Landnahme erfolgte im Nordburgenland ab 13. November, im Südburgenland ab 25. November 1921. Der Reporter, der offenbar mit den einrückenden Truppen mitzog, war also im Nordburgenland vor Ort und wartete am 21. November im steirischen Friedberg auf den weiteren Einsatz im Südburgenland. In einem Vorgängerbericht, geschrieben am 15. November 1921 in Ebenfurth, wurde berichtet:

Montag marschierte das Linzer Alpenjägerregiment nach dem von hier eine Stunde entfernten Stinkenbrunn. (Linzer Volksblatt 18.11.1921, 2)

Demnach erfolgte die Landnahme in Steinbrunn am Montag, 14. November 1921, durch Oberösterreicher.

Man wäre in einem Irrtum befangen, wollte man annehmen, daß die burgenländische Bevölkerung durchwegs deutsch ist. Der größere Teil ist deutsch und hat deutsche Eigenart bewahrt und die Bande des gemeinsamen Blutes weisen ihn den Weg zum Muttervolke

Das Burgenland gehörte vor 1921 staatsrechtlich zu Ungarn, war also „ungarisch“ und nicht „deutsch“. Die strenge Differenzierung des Reporters zwischen „Volkszugehörigkeiten“ ist typisch für die Zeit; die Frage der „Volkszugehörigkeit“ spielte zuvor bei der Grenzziehung zwischen Ungarn und Österreich eine zentrale Rolle.

Daneben wohnen aber auch, abgesehen von dem Block der Vollblutmagyaren, nicht wenige Deutsche, die längst magyarisiert sind. Hin und wieder findet man Gemeinden, die einen völlig kroatischen Kern besitzen. Unser Berichterstatter war z. B. in dem eine gute Wegstunde von der Leitha entfernten burgenländischen Orte Stinkenbrunn. Auf dem Wege dahin begegneten ihm, gleich: Zügen von Wandervögeln, Scharen von Frauen und Mädchen, die ihren im Bergwerke bei Neufeld arbeitenden Männern und Vätern den Mittagschmaus überbrachten und mit Buckelkörben voll Kohlen wieder ihren Einfamilienhäusern zustrebten (3).

Der Reporter kam von Ebenfurth (Leitha), das Braunkohlerevier von Steinbrunn lag im Bereich der Neuen Siedlung. Tatsächlich wurden die Steinbrunner Bergarbeiter  täglich von Steinbrunn-Dorf (und nicht etwa aus Neufeld) versorgt, vor allem musste auch Wasser vom Ort in das Werk hinaufgetragen werden.

Plaudernd oder schwermütige Weisen singend zogen sie ihres Weges, aber kein einziger deutscher Laut war aus dem Munde der Hunderte zu vernehmen, nur das unverfälschte Kroatische!

Das Burgenland-Kroatisch wird hier als „unverfälschtes Kroatisch“ bezeichnet; es unterschied sich aber schon damals vom Kroatischen, das in Kroatien gesprochen wurde.

Und dabei wähnt man sich auf deutschem Boden. Nachdenklich ob solcher Erfahrung, ging ich den öden Weg weiter. Im ansehnlichen Pfarrorte Stinkenbrunn erfuhr ich nun, daß die Gemeinde zu 90% kroatisch ist, schon seit zwei Jahrhunderten.

Auch hier hat der Reporter aus Oberösterreich nicht gut recherchiert: In Steinbrunn leben Kroaten seit dem 16. Jahrhundert, also schon länger als 200 Jahre.

Selbst die Schule ist kroatisch, neben der nationalen Sprache wird allerdings Deutsch als Pflichtgegenstand gelehrt. Die Einwohnerschaft hält zähe an ihrer Tradition fest und läßt an ihrem Kroatentum nicht rütteln. Diese Kroateninsel breitet sich übrigens in die weitere Umgebung der Gemeinde aus. Es wäre eine Verkennung der Tatsachen, wollte man behaupteten, daß diese Kroaten uns übel gesinnt wären.

Steinbrunn und andere kroatische Gemeinden in der Grenzregion zu Niederösterreich hatten sich schon früh für die Zugehörigkeit zu Österreich ausgesprochen. Schließlich waren Wiener Neustadt und Wien die wichtiges Absatzmärkte für die heimischen Produkte.

Eine hochangesehene kroatische Persönlichkeit äußert sich dahin, daß es ein kluger Schachzug der Regierung war, zur Besetzung des Burgenlandes die alpenländischen Truppenteile zu verwenden, die sich bei der misztrauischen Bevölkerung eines größeren Ansehens erfreuen, als die verhaßten Wiener Wehrmänner.

Solche Animositäten zwischen „Wienern“ und „Burgenländern“ sind bis heute spürbar und wohl durch den Stadt-Land-Gegensatz erklärbar.

„Nur die nicht, wenn die gekommen wären, hätten wir wohl für nichts gut stehen können“, so lautete die entschiedene Erklärung des 80jährigen Greises, der einst in der Bela Kun-Zeit unter der Bürgermeisterei, bezw. Schreckensherrschaft eines kommunistischen jungen Maurergehilfen viel erduldet hatte.

Auf welche Person („junger Maurergehilfe“, Kommunist) hier angespielt wird und ob damit ein Steinbrunner „Bürgermeister“ gemeint ist, erschließt sich direkt aus dem Text nicht.

Und mit Nachdruck betonte er: „Die Tiroler und Oberösterreicher sind in der Hauptsache mit unseren Leuten freundlich, und das wollen wir. Wir erstreben Ruhe und Ordnung. Man lasse uns aber den Charakter eines Bundeslandes mit selbständiger Verwaltung. Will die Wiener Regierung versuchen, uns zu schulmeistern oder die selbst von den Ungarn gestattete nationale Schule zu nehmen, so wird sie unseren schärfsten Widerstand finden.“ (Linzer Volksblatt 23.11.1921, 1f)

Die Minderheitrechte für die Burgenlandkroaten waren schon im Vertrag von St. Germain (1919) vorgesehen.

 

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