Die Sage vom Nadasdy-Schloß: Fiktion, Realität und mögliche Hintergründe

Gute Geschichten werden gerne und häufig weitererzählt. Dadurch verändern sie sich und entfernen sich von der ursprünglichen Darstellung. Ein anschauliches Beispiel für eine Sage, ihre historischen Grundlagen und die Weitervermittlung bietet die Steinbrunner Sage „Das Schloß des Grafen Nadasdy“.

Beginnen wir mit der Sage: 1987 hat Franz Franta die „Stinkenbrunner (Steinbrunner) Sagen – Stikapronske povidajke“ herausgegeben. Das kleine Heft enthält neben den Sagen zahlreiche Fotos und Erläuterungen. Die von ihm veröffentlichten Sagen fußen auf den Erinnerungen von Schulleiter Jakob Dobrovich, der seit den 1930er-Jahren eifrig Erzählungen und vor allem die Gesänge der Bevölkerung gesammelt und aufgezeichnet hat.

Die Sage kurz nacherzählt: „Nicht weit vom heutigen Schießplatz entfernt“ habe sich ein Schloß des Grafen Nadasdy befunden. Nadasdy habe geplant, Kaiser Leopold I. zu ermorden, „um sich selbst der Kaiserkrone zu bemächtigen“. So habe er den Kaiser auf sein Schloß eingeladen, manipulierte aber zuvor die Zugbrücke. Der misstrauische Kaiser schickte aber zwei Hunde voran, die Brücke stürzte ein und die Landsknechte von Nadasdy fanden nur die Tiere im Graben. Die Verschwörung flog auf, Nadasdy sei verhafte und am 30. April 1673 in Wien enthauptet worden.

Das Pottendorfer Schloss 2024.

Was steckt nun hinter dieser Sage?

  • Die Sage hat einen historischen Hintergrund: Tatsächlich war Franz III. Nadasdy Teil der sogenannten Magnatenverschwörung gegen Kaiser Leopold I. Er wurde 1670 in seinem Schloß in Pottendorf verhaftet und – wie in der Sage beschrieben – enthauptet.
  • Nach der Schlacht von Mogersdorf 1664 fühlten sich die ungarischen Magnaten von den Habsburgern hintergegangen und planten die Machtübernahme in Ungarn. Eine Ermordung des Kaisers war nicht geplant.
  • Dass das Schloß in der Sage in der Nähe des Steinbrunner Schießplatzes angesiedelt wird, liegt vielleicht daran, dass in Steinbrunn schon lange bekannt war, dass sich beim Bahnübergang knapp unter der Erdoberfläche ausgedehnte Grundmauern eines Bauwerks befinden. Heute weiß man, dass diese Grundmauern zu einer römischen Villa gehörten, die bis ins Mittelalter genutzt wurde.
  • Zusammengefasst: Aus der Verhaftung des Grafen Nadasdy im Schloß Pottendorf im Zuge der Magnatenverschwörung und den mysteriösen Mauern im Boden beim Schießplatz wurde die Sage von einem untergegangenen Schloß in Steinbrunn konstruiert. Man kann sich vorstellen, dass Sagen gerne Kindern erzählt wurden – dieser Mix aus Kaiser, Schloss und Verrat bot viel Raum für Ausschmückungen.
  • Das ist aber noch nicht alles: Jakob Dobrovich hat 1933 das vielstrophige Lied „Jačka od grofa Nadosa“ aufgeschrieben (Text und Melodie), das ebenfalls im Heft von Franz Franta abgedruckt ist. Dieses Lied beschreibt ebenfalls detailreich diese Sage.
  • Warum wurde ein Ereignis aus Pottendorf derart stark in Steinbrunn verarbeitet und weitergetragen? Dazu muss bedacht werden, dass früher die Verbindungen zwischen Pottendorf und Steinbrunn – über die damals vorhandene Reichsgrenze zwischen Neufeld und Ebenfurth – sehr intensiv waren. In Steinbrunn bestand Anfang des 19. Jahrhunderts eine Außenstelle der Pottendorfer Baumwollspinnerei. In der Steinbrunner Fabriksgasse befand sich ein großer Stadel, in dem Baumwolle für das Spinnen vorbereitet wurde. Auch in späteren Jahren arbeiteten viele Steinbrunner*innen in der „Pottendorfer“.

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