Eine der ältesten Fotoserien von Steinbrunn zeigt die obere Kirchengasse mit einer kleinen Gruppe, im Hintergrund die Pfarrkirche.

Der Anlass der Aufnahmen (es gibt zumindestens zwei Varianten) ist nicht bekannt. Die Aufnahmen lassen sich aber aufgrund der Kleidung der Männer und Frauen recht gut zwischen 1900 und 1910 einordnen.
Ein interessantes Detail des Fotos betrifft die Heiligenstatue, die im Hintergrund zu sehen ist und damals rechts oben am Ende der Kirchengasse aufgestellt war. Die Statue gibt es heute nicht mehr. Es fehlt in den verschiedenen Beschreibungen auch jeder Hinweis auf diese Statue. Sie sieht im Detail so aus:

Der Heilige trägt ein Priestergewand (Soutane) und ist bartlos. In der rechten Hand hält er ein Kreuz, in der linken Lilien, die stets ein Zeichen der Unschuld und Jungfräulichkeit sind. Die Skulptur ist bemalt (gefasst), was auch auf der Schwarzweiß-Aufnahme recht gut am Unterrock und den Haaren erkennbar ist.
Um welchen Heiligen handelt es sich? Es bietet sich ein naheliegender Vergleich an: Auch am Zillingtaler Kirchberg (Gorica) steht eine Heiligenstatue. Dabei handelt es sich eindeutig um den Heiligen Johannes Nepomuk:

Beim genauen Vergleichen der beiden Statuen fallen große Unterschiede auf. Der Heilige Nepomuk trägt als typische Attribute einen kurzen Bart, eine Mütze und eine Felljacke. Der Heilige in Steinbrunn ist bartlos und trägt keine Jacke. Er ist daher kein Heiliger Nepomuk.
Aussehen und Attribute der Heiligenstatue in Steinbrunn passen am ehesten zum Heiligen Aloisius von Gonzaga. Dieser Heilige, der im 16. Jahrhundert in Italien lebte, galt als extrem keusch (Attribut Lilien), war Jesuit und starb schon in jungen Jahren. Um 1900 wurde er besonders populär, weil er vom Papst zum Patron der Jugend und vor allem der jugendlichen Kranken bestimmt wurde.
Was könnte der Heilige Aloisius mit Steinbrunn zu tun haben? Die Kinder- und Jugendsterblichkeit war in Steinbrunn im 19. und frühen 20. Jahrhundert wegen des Bergwerks und der miserablen Hygieneverhältnis extrem hoch. So wäre es schon denkbar, dass die Gläubigen daher eine besondere Beziehung zu diesem Schutzpatron der Jugend entwickelten.
Wo die Statue geblieben ist, ist unbekannt. Vielleicht wurde sie im Zuge der Hausbauten in der oberen Kirchengasse versetzt. Diese Rätsel gilt es noch zu lösen…